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Dr. Bettina Hofer, Wissenschaftsjournalistin

Bakterien: Immer nur „bad bugs“ und Killerkeime?

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Seit Jahren betet es die Fernsehwerbung rauf und runter: Bakterien lauern in allen Ecken und Winkeln, auf vermeintlich sauberen Oberflächen und an stillen Örtchen. Sie warten nur darauf uns zu schädigen. Die wenigsten Haushalte kommen deshalb ohne Bad- und Sanitärreiniger aus, die „99,9 Prozent aller Bakterien“ entfernen. Einfach aufsprühen, abspülen und fertig. Scheuern und Schrubben würde die kleinen Mitbewohner auch in Schach halten, doch wir sind zu bequem geworden. Aus falsch verstandener Hygiene schießen wir mit Kanonen auf Spatzen. „Antibakteriell“ sollte im Haushalt zum Unwort auf Lebenszeit ernannt werden, weil es das Bedürfnis nach viel Chemie auslöst. [Und einige der Inhaltsstoffe, die in höheren Konzentrationen desinfizierend wirken, begünstigen sogar das Wachstum Antibiotika-resistenter Bakterien.]

Bakterien, für die wir Menschen schlicht Lebensraum sind, stellen etwa drei Kilogramm unseres Körpergewichtes. Auch wenn es manch einem bei der Vorstellung unheimlich wird: Diese Mikroflora in und auf uns ist im Vergleich zu unserer Körperzellzahl etwa zehnfach überlegen. Bakterien im Darm helfen uns bei der Verdauung: Sie schließen uns Nahrungsbestandteile auf, die wir ohne ihre Hilfe nicht aufnehmen könnten. Auf Haut und Schleimhäuten bilden sie einen Schutzfilm gegen eindringende Krankheitserreger. Erst wenn das natürliche Gleichgewicht unserer bakteriellen Mitbewohner in eine Schieflage gerät, haben schädliche Bakterien ein leichteres Spiel mit uns: Fast jeder kennt die Nachwirkungen einer Therapie mit einem Breitband-Antibiotikum, die die gesamte Darmflora in Mitleidenschaft ziehen kann. Bis sich unser Verdauungstrakt in einem solchen Fall von den Kollateralschäden erholt hat, die unsere friedlichen Darmbakterien erleiden mussten, gehen einige Tage in Land.

Gut, ein wenig in Schach halten müssen wir einige unserer Untermieter schon: den Zahnbelag sollten wir regelmäßig durch Zähneputzen reduzieren, damit sich die Bakterien nicht von unserem Zahnschmelz ernähren und ihre Stoffwechselprodukte zu Karies führen. Und auch die Mikroflora auf unserer Haut sollte nicht tun und lassen dürfen, was sie will. Denn der jedem Menschen eigene Schweißgeruch ist das, was die uns typische Bakterien-Lebensgemeinschaft daraus macht. Duschen und Wäschewechsel ist ausreichend, um diese allzu menschlichen Gerüche in Schach zu halten. Dafür brauchen keine antibakterielle oder „sanitized“ Ausrüstung in unseren Textilien, kein Desinfektionsmittel (wie Triclosan) im Deo oder der Bodylotion, kein Nanosilber in den Sportsocken. Es ginge uns, unserer Haut und unseren guten Bakterien besser, wenn wir Hygiene (im privaten Bereich!) nicht mit Keimfreiheit verwechselten und sie mit Chemiecocktails durchsetzten.

Denn: Nur die wenigsten Bakterienarten sind wirklich schädlich für uns. Aber wenn wir so weitermachen, können uns auch die „good bugs“ bald nicht mehr helfen.

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Ein Kommentar

  1. Hallo Tina,

    schöner Beitrag, um uns mal wieder auf den Boden zu holen. Die Aufregung um angeblich erforderliche perfekte Hygiene mit chemischen Hilfsmitteln treibt das Geld in die Taschen der Hersteller von chemischen Reinigungsprodukten. Nichts gegen die Entwicklung von chemischen Produkten generell. Ich denke schon, das die uns auch erheblich nutzen können. Die Marketingstrategen haben es aber verstanden uns zu suggerieren, dass wir ohne diese täglichen Helferlein nicht mehr auskommen können und uns womöglich (Lebens-) Gefahr droht.

    Ein Versuch die nützlichen von überflüssigen Produkten zu differenzieren und unseren individuellen Konsum daran auszurichten erfordert eine seriöse, verständliche und zielgerichtete Informationspolitik, die ich eigentlich überwiegend in der Zuständigkeit der Hersteller sehe. Aber die Marktwirtschaft treibt da manchmal seltsame Blüten.
    Sei es drum, dieser Blog könnte ebenfalls seinen Teil zur Aufklärung beitragen. In diesem Sinne – weiter so!

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