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Dr. Bettina Hofer, Wissenschaftsjournalistin

Tierantibiotikaverbrauch – verbessertes Update? (Version 2.0.1.2)

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Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat am 11.11.2013 neue Zahlen zur Gesamtabgabemenge von Antibiotika in der Tiermedizin veröffentlicht:  Im Jahr 2012 seien 1619 Tonnen (t) Antibiotika an Tierärzte abgegeben worden, 87 t weniger als im Jahr zuvor. Die Reserveantibiotika der Humanmedizin (z. B. Fluorchinolone und Cephalosporine der 3. und 4. Generation) würden weiterhin in geringen Mengen abgegeben, aber die Abgabe der Fluorchinolone stieg um 2 Tonnen an.

Das klingt nach positiver Tendenz, differenzierter Betrachtung und stichhaltigen Informationen. Nun bleibt zu hoffen, dass die Daten nicht so wie in der Presseinformation angegeben, nach reinen Zahlen, in Zeitungsartikeln oder Radioberichten heruntergebetet werden. Denn nach wie vor ist der Antibiotikaverbrauch in der Tiermedizin, insbesondere in der Tiermast, zu hoch. Leider können die einzelnen Wirkstoffmengen nicht bestimmten Tierarten zugeordnet werden, nicht einmal eine Unterscheidung von Nutztieren, Heim- oder Sporttieren ist möglich. Interessant für Laien  und Verbraucher ist an den neuen Zahlen daher auch weniger die absolute Mengenzu- oder Abnahme der Wirkstoffe, sondern die jeweiligen prozentualen Veränderungen, wie sie in der folgenden Tabelle ergänzt sind.

Tierantibiotika: Vergleich der Wirkstoffklassen 2011 und 2012 (Quelle: Daten aus Presseinformation des BLV vom 11.11.2013)

Tierantibiotika: Vergleich der Wirkstoffklassen 2011 und 2012
(Quelle: Daten aus Presseinformation des BLV vom 11.11.2013)

Aus dieser Tabelle, oder besser aus den prozentualen „Differenzen“  der Tabelle, wird eine mögliche Tendenz deutlich, die man im Auge behalten sollte:

  • Die Menge an Reserveantibiotika der Humanmedizin (Fluorchinolone und Cephalosporine der 3. und 4. Generation) ist gegen den Trend deutlich um jeweils 25 Prozent angestiegen.
  • Die Cephalosporine der 1. und 2. Generation, zu denen unsere Ärzte ebenfalls bevorzugt greifen, sind innerhalb eines Jahres gar um den Faktor 1,5  gestiegen (+ 150 %).
  • Die Menge an Pleuromutilinen, die überwiegend an Geflügel und Schweine verabreicht werden und typische Tierantibiotika[1] sind, steigt gegen den Trend um 28 Prozent an.

Angesichts der weiter zunehmenden Resistenzproblematik bei „Krankenhauskeimen“[2] warte ich auf mehr wirksame Maßnahmen zur Eindämmung des Antibiotikaverbrauchs in Tierhaltung und Humanmedizin. Monitoring – das Erfassen von Daten – allein ist zwar eine wichtige Grundlage, aber es müssten schneller Aktionspläne (nicht mehr von Frau Aigner!) entwickelt werden, die gezielte Maßnahmen beinhalten und auch Kontrollen vorsehen.

Ein Klimawandel auch im Umgang mit Antibiotika ist eingeläutet, allein die Wende ist schwer: Sie wird einige Energien kosten…

 


 

[1] Beim Menschen als Retapamulin (-Salbe) eingesetzt. Bei Impetigo oder oberflächlichen Verletzungen und Infektionen, insbesondere bei Kindern (gegen Staphylococcus aureus und Streptococcus pyogenes).

[2] Meist keine Krankheitserreger: sie werden oft erst bei geschwächtem Immunsystem zu einer gesundheitlichen Bedrohung , weil sie mit unseren, seit Jahrzehnten als selbstverständlich erachteten Antibiotika nicht mehr (schnell genug) kontrolliert werden können.

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2 Kommentare

  1. Hallo Frau Hofer,

    können Sie mir verraten, wo ich im Internet aktuelle Zahlen (Angabe in eigentlich unsinnigen Tonnen) über den Antibiotikaverbrauch im Humanbereich finde?

    freundliche Grüße

    Jörg Kröger

    • Hallo Herr Krüger,

      die aktuellsten Zahlen finden Sie meines Wissens in GERMAP 2012. Gleich in der Zusammenfassung ‚Humanmedizin‘ (S. 3), werden die Schätzungen der letzten Jahre wiederholt: 500-600 Tonnen Antibiotika jährlich im ambulanten Bereich, der etwa 85 % des Gesamtverbrauchs (plus Krankenhauseinsatz) ausmacht.
      Sollten Sie weitere Details benötigen, bietet der Bericht – soweit mir bekannt ist – die Zusammenfassung aller verfügbaren Daten.

      Mit freundlichen Grüßen
      Bettina Hofer

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