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Dr. Bettina Hofer, Wissenschaftsjournalistin

Masernausbrüche durch fehlende Impfbereitschaft

| 1 Kommentar

Deutschland wird das von der WHO gesteckte Ziel, die Masern innerhalb seiner Grenzen bis 2015 auszurotten, wohl nicht mehr erreichen. Skandinavien, viele osteuropäische Länder in Osteuropa, selbst Nord- und Südamerika und einige Staaten im Süden Afrikas sind frei von Masern. Wir dagegen leisten uns Impfmüdigkeit und Impfskepsis, so dass allein in diesem Jahr bisher über 1.000 Menschen an Masern erkrankt sind.

Quelle: Robert-Koch-Institut (Daten aus den jeweiligen Jahrbüchern)

Quelle: Robert-Koch-Institut (Daten aus den jeweiligen Jahrbüchern)

Mit einem der besten und teuersten Gesundheitssysteme der Welt im Rücken hätten wir die Masern längst schon ausrotten können. Dennoch erkranken hierzulande zur Zeit Kinder, aber auch auffällig viele Jugendliche und junge Erwachsene an Masern. Sie sind zum größten Teil nicht oder nicht vollständig gegen Masern geimpft (erste und zweite MMR-Impfung). Warum aber hat Deutschland diese gefährlichen Impflücken, die sich in bestimmten Städten (wie Berlin, Rosenheim oder Garmisch-Partenkirchen) und in vielen – vor allem bayrischen – Landkreisen besonders weit auftun?

Impfskepsis

„Die Impfwahrscheinlichkeit sinkt bundesweit mit steigender Quote hoch qualifizierter Mütter“ (Versorgungsatlas-Studie). Auch regional unterschiedlich stark vertretene impfkritische Ärzte, Heilpraktiker und Homöopathen haben höchstwahrscheinlich großen Einfluss auf die Impfbereitschaft Ihrer Patienten.

Hartnäckig halten sich längst wissenschaftlich widerlegte „Fakten“, Verschwörungstheorien, Vorurteile und Gerüchte, dass Impfschäden ein größeres Risiko bergen als die Folgen einer durchgemachten Infektion. Das Risiko nur einer möglichen, speziellen Spätkomplikation der Masern (SSPE[1]) wurde von vormals einem unter 100.000 Fällen für Kinder unter fünf Jahren auf ein Risiko von 1:3.300 drastisch nach unten korrigiert.[2] Doch Impfgegner werden vermutlich auch diese Zahlen, wie auch viele anderen wissenschaftlich-medizinischen Beweise ablehnen. Für die Befürworter gilt: „Wenn Erkrankungen durch Impfungen seltener auftreten, wird es zunehmend schwieriger, ihre Bedrohlichkeit zu belegen.“[3]

Der jüngste Masernausbruch in Deutschland zeigt mir, dass die Entscheidung gegen Impfungen keine Privatsache ist. Sie hat Folgen für alle, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht geimpft werden können (so auch Babys unter einem Jahr) oder trotz Impfung keine Masern-Immunität aufgebaut haben. Bei Impfraten von angestrebten 95 Prozent wären diese Menschen durch die „Herden-Immunität“ indirekt geschützt: Infektionen – wie zur Zeit die Masern – könnten sich nicht über viele Menschen ausbreiten. Damit ist die Entscheidung sich impfen zu lassen keine reine Privatsache, sondern sie leistet auch einen Beitrag zur Gesundheit unserer Mitmenschen.

Weitere Informationen:

http://www.impfen-info.de/impfempfehlungen/fuer-erwachsene/masern/

http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/NRZ/MMR/FAQ.html

 


[1] Subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE): Eine Entzündung des Gehirns, die vor allem Kinder betrifft und meist erst mehrere Jahren nach der akuten Masern-Erkrankung auftritt. Sie kann nicht behandelt werden, führt nach einem langsam fortschreitenden Verlust aller geistigen Fähigkeiten letztlich zum Tod.

[2]Schönberger K, Ludwig M-S, Wildner M, Weissbrich B (2013) Epidemiology of Subacute Sclerosing Panencephalitis (SSPE) in Germany from 2003 to 2009: A Risk Estimation. PLoS ONE 8(7): e68909. doi:10.1371/journal.pone.0068909

[3]C. Meyer, S. Reiter. Impfgegner und Impfskeptiker – Geschichte, Hintergründe, Thesen, Umgang. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz  2004, 47: 1182-1188. DOI 10.1007/s00103-004-0953-x

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Ein Kommentar

  1. Hi Bettina,

    mutiger Artikel. Sprachlich, sachlich und naturwissenschaftlich wie immer hervorragend, aber rein emotional könntest Du massive Widersprüche auslösen. Vor allem von den Eltern allergiegepeinigter Kinder, die gerade bei Impfungen aus der Ecke der Naturheilkunde eher skeptische Kommentare zu den „Impfen“ bekommen. Und wenn man ggfls. die Allergien eher auf dem Naturheilpfad denn auf dem Wege der klassischen Medizin in den Griff bekommen hat neigt man in diesen Fällen vielleicht dazu hier die tatsächliche Sachlage zu negieren und sich in die Emotion zu flüchten. Und die sagt dann eher „nicht impfen“. Ich fände eine Studie spannend die sich damit auseinandersetzt, wie sich das Impfverhalten zwischen Kindern mit und Kindern ohne Allergien unterscheidet. Dann müsste die Studie allerdings auch untersuchen, ob in der entsprechenden Familie andere Kinder mit Allergien leben müssen. Eventuell würde dann dort ein Zusammenhang bewiesen, den ich heute einfach frech behaupte. Denn wie Du ausführst, sachliche Gründe kann die Impfmüdigkeit kaum haben.
    Danke für einen im wahrsten Sinne des Wortes „bemerkenswerten“ Artikel.

    Viele Grüße

    Michael

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